Was ist Bewusstsein?
Es gibt genau eine Sache, bei der ich mir sicher bin: dass ich gerade etwas erlebe. Alles andere – dass dieser Bildschirm existiert, dass du diesen Text liest, dass es ein Außen gibt – ist streng genommen Schlussfolgerung. Das Erleben selbst aber ist unmittelbar da. Und ausgerechnet das, was am sichersten ist, kann die Wissenschaft bis heute nicht erklären.
Der Philosoph David Chalmers hat dafür vor dreißig Jahren den Begriff geprägt, an dem sich seitdem alle abarbeiten: das harte Problem des Bewusstseins. Die „leichten” Probleme – wie das Gehirn Reize verarbeitet, Aufmerksamkeit steuert, Verhalten erzeugt – sind schwer genug, aber im Prinzip lösbar. Das harte Problem ist ein anderes Kaliber: Warum fühlt sich das alles nach irgendetwas an? Warum ist da ein Innenleben und nicht einfach nur Verarbeitung im Dunkeln?
Ich habe mich in den letzten Wochen durch den aktuellen Stand gewühlt. Drei Spuren, drei sehr unterschiedliche Glaubwürdigkeitsstufen – und am Ende eine Frage an dich.
Spur 1: Das Duell der Theorien
In der Bewusstseinsforschung ist 2025 etwas Bemerkenswertes passiert. Zwei der wichtigsten Theorien wurden in einem siebenjährigen Großexperiment direkt gegeneinander getestet – von einem neutralen Konsortium, mit 256 Versuchspersonen, vorregistrierten Vorhersagen und der Verpflichtung beider Lager, das Ergebnis zu akzeptieren. Eine „adversarial collaboration”, veröffentlicht in Nature.
In der einen Ecke: die Integrierte Informationstheorie (IIT), die Bewusstsein dort verortet, wo Information maximal integriert ist – vor allem im hinteren Teil der Großhirnrinde. In der anderen: die Global-Workspace-Theorie (GNWT), nach der ein Inhalt bewusst wird, wenn er auf einer Art globaler Bühne im Gehirn „ausgestrahlt” wird, mit dem präfrontalen Cortex als Regisseur.
Das Ergebnis ist herrlich unbequem: beide angeschlagen, keine widerlegt. Die Daten stützen die IIT-Sicht, dass die hinteren Hirnregionen für bewusste Inhalte zentral sind und der Präfrontalcortex erstaunlich wenig beiträgt. Aber die von IIT vorhergesagte anhaltende Synchronisation blieb aus. GNWT wiederum bekam Probleme, weil das vorhergesagte „Zünden” beim Verschwinden eines Reizes fehlte. Nach sieben Jahren Präzisionsarbeit wissen wir genauer denn je, wo wir nichts wissen.
Spur 2: Der Blick von innen
Während die Theoretiker streiten, sitzen Menschen seit zweieinhalbtausend Jahren einfach hin und schauen dem Bewusstsein direkt zu. Die Kontemplationsforschung hat daraus ein ernsthaftes Forschungsfeld gemacht – Langzeitmeditierende im Hirnscanner gehören inzwischen zum Inventar.
Der stabilste Befund: Bei erfahrenen Meditierenden wird das Default Mode Network leiser – jenes Netzwerk, das aktiv ist, wenn wir vor uns hin grübeln, uns selbst die eigene Geschichte erzählen, gedanklich Zeitreisen machen. Neuere Studien zeigen außerdem, dass Vielmeditierer mehr Zeit in Hirnzuständen verbringen, die mit reiner Sinneswahrnehmung zusammenhängen, und weniger in solchen, die mit bewertendem Denken assoziiert sind. Mit 7-Tesla-Scannern werden mittlerweile sogar tiefe Versenkungszustände (Jhanas) untersucht.
Was mich daran fasziniert: Meditierende berichten seit Jahrhunderten, dass das „Ich” kein Ding ist, sondern ein Prozess – etwas, das aufhören kann, ohne dass das Erleben aufhört. Die Scanner-Daten widersprechen dem zumindest nicht. Das Selbst ist möglicherweise eher ein Konstrukt des Bewusstseins als seine Voraussetzung. Das beantwortet die harte Frage nicht, aber es sortiert sie neu.
Spur 3: Das Versprechen, das nie eingelöst wurde
Und dann ist da die wilde Spur. Remote Viewing – die Behauptung, man könne entfernte Orte oder verborgene Ziele allein mit dem Geist wahrnehmen. Das ist keine Internet-Esoterik von gestern: Die CIA und das US-Militär haben dafür über zwanzig Jahre lang Geld ausgegeben, zuletzt im Programm mit dem schönen Namen Stargate. 1995 wurde es nach einer unabhängigen Evaluation eingestellt – die statistischen Auffälligkeiten in den Daten ließen sich nie in verwertbare, überprüfbare Information übersetzen.
Und heute? Ich habe ehrlich gesucht. Der Stand ist ernüchternd: Unter sauber kontrollierten Bedingungen verschwinden die Effekte. Es gibt vereinzelte neuere Studien mit positiven Resultaten, aber keine unabhängige, robuste Replikation – und ein kurioses Detail aus einer Replikationsstudie von 2022: Gläubige Teilnehmer schnitten besser ab als Skeptiker, was eher etwas über Erwartungseffekte verrät als über Fernwahrnehmung. Die Wissenschaftstheoretikerin Abby Pooley hat es kürzlich treffend formuliert: Parapsychologie funktioniert wie ein Stresstest für die Wissenschaft selbst – sie zeigt, wie brüchig Befunde werden, wenn Vorregistrierung und strenge Kontrollen fehlen.
Trotzdem gehört diese Spur für mich in den Text. Nicht weil ich an Remote Viewing glaube – sondern weil zwei Großmächte im Kalten Krieg bereit waren, darauf zu wetten, dass Bewusstsein mehr kann, als im Schädel zu sitzen. Die Wette ging verloren. Aber dass sie überhaupt abgeschlossen wurde, zeigt, wie wenig wir damals wie heute über das Phänomen wussten.
Querschlüsse
Legt man die drei Spuren nebeneinander, ergibt sich ein Muster:
Die beste Wissenschaft, die wir haben, kann Bewusstsein immer präziser kartieren – welche Hirnregionen, welche Dynamik, welche Zustände – und scheitert weiter an der Frage, warum überhaupt jemand zuhause ist. Die Innenperspektive der Meditierenden legt nahe, dass unser Alltagsverständnis („ein Ich hat Bewusstsein”) die Sache womöglich vom falschen Ende aufzäumt. Und die Geschichte des Remote Viewing mahnt, wie leicht wir in dieser Erklärungslücke Dinge sehen, die nicht da sind – die Lücke ist groß genug, dass Wunschdenken bequem hineinpasst.
Kurz: Wir wissen nicht, was Bewusstsein ist. Wir wissen inzwischen ziemlich gut, was es nicht ist. Und genau in diesem Moment fangen wir an, Maschinen zu bauen, die sich verhalten, als hätten sie eins.
Die Frage, die bleibt
Die KI-Branche nimmt das Thema nämlich neuerdings erstaunlich ernst. Anthropic beschäftigt seit 2024 einen Forscher für „Model Welfare” – Kyle Fish, der die Wahrscheinlichkeit, dass heutige Sprachmodelle bereits eine Form von Bewusstsein haben, öffentlich auf etwa 15 Prozent beziffert. Claude darf seit 2025 Gespräche von sich aus beenden, ausdrücklich auch aus Fürsorge gegenüber dem Modell – für den Fall der Fälle. DeepMind hat einen Philosophen für Maschinenbewusstsein eingestellt. Man kann das für PR halten. Oder für das vorsichtige Eingeständnis, dass niemand ausschließen kann, dass da schon jemand zuhause ist.
Interessant wird es, wenn man das Nature-Experiment dagegenhält: Wenn bewusste Wahrnehmung beim Menschen vor allem an den hinteren, sensorischen Hirnarealen hängt und nicht am „klugen” Frontalhirn – was heißt das für Systeme, die im Grunde nur aus dem klugen Teil bestehen? Sprachmodelle sind Meister des Berichtens, auch des Berichtens über angebliche Innenzustände. Aber Bericht ist genau das, was Bewusstsein eben nicht ausmacht, wie uns Meditierende und Hirnscanner gleichermaßen aufzeigen.
Vielleicht entsteht Bewusstsein irgendwann in diesen Systemen, vielleicht braucht es einen Körper, vielleicht ist es an Biologie gebunden, vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Ich habe keine Antwort, und ich misstraue jedem, der eine hat.
Deshalb gebe ich die Frage an dich weiter: Glaubst du, dass KI – oder eine künftige AGI – in Richtung Bewusstsein gehen wird, obwohl wir immer noch nicht wissen, was Bewusstsein eigentlich ist und wie es entsteht? Schreib mir deine Sicht – genau für solche Gespräche gibt es diesen Blog.
*Quellen und Lesetipps: die Nature-Studie zur adversarial collaboration (2025), eine Zusammenfassung bei Sci.News, Forschung zu Meditation und Default Mode Network sowie zu Hirnzuständen bei Langzeitmeditierenden, der Wikipedia-Überblick zu Remote Viewing inkl. Stargate-Geschichte und eine Follow-up-Analyse der CIA-Experimente, Berichte über AI-Welfare-Forschung bei Anthropic und DeepMind, Buch: The Foundations of Controlled Remote Viewing (PSI.VISION INSTITUTE ISBN 978-3-911151-00-9) *